Umgang mit dem Wissen

Im Folgenden erläutern wir, wie gemäß Dürrenmatts "Die Physiker" Wissenschaftler mit ihren aus der Forschung gewonnenen Erkenntnissen umgehen sollten und wie weit die Wissenschaft mit ihrer Forschung überhaupt gehen darf.

Dürrenmatts Werk wurde in Bezug auf unsere Fragestellung vor allem nach folgenden zwei Auslegungskonzepten interpretiert:

Wir versuchen, im Folgenden beide Ansätze zu berücksichtigen.

Durch die Person Möbius und ihr konsequentes Verhalten wird die Meinung vertreten, dass es die Pflicht eines Wissenschaftlers ist, für die Menschheit gefährliche oder zumindest bei negativem Gebrauch gefährliche Entdeckungen oder Erfindungen dieser unbedingt ohne Ausnahme vorzuenthalten, um sie zu schützen. Dieses Verhalten ist immer dann anzuwenden, wenn der positive Nutzen die negativen Auswirkungen und Begleiterscheinungen nicht weit überwiegt bzw. wenn die Folgen der Arbeit eines Wissenschaftlers sogar bedrohend für die ganze Menschheit sein können.

Dürrenmatt könnte von Beispielen der Geschichte (wie z. B. die Entdeckung der Grundlagen zum Bau der Atombombe durch Albert Einstein oder die Erfindung des Dynamits durch Alfred Nobel) veranlasst worden sein, seine Komödie zu verfassen. In unseren Quellen ist nur davon die Rede, dass die Atombombe ihn zu diesem Stück bewegte.

Gleichzeitig zeigt das Stück auf, dass es so gut wie unmöglich ist, wissenschaftliche Ergebnisse auf Dauer erfolgreich zu verbergen, da es praktisch nur möglich ist, die Verbreitung bzw. das Bekanntwerden der Ergebnisse zu verzögern, nicht jedoch zu verhindern.

"Auch gibt es keine Möglichkeit, Denkbares geheim zu halten. Jeder Denkprozess ist wiederholbar. (...) Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden." (S. 85) Mit diesen Worten gesteht Möbius seinen folgenschweren Irrtum ein. Seinen beiden Kollegen gegenüber hatte er eingeräumt, es bleibe den Physikern - und heute natürlich ebenso anderen Naturwissenschaftlern wie etwa Genetikern - nur noch "die Kapitulation vor der Wirklichkeit. Sie ist uns nicht gewachsen. Sie geht an uns zugrunde. Wir müssen unser Wissen zurücknehmen, und ich habe es zurückgenommen."

Der Autor löst die Unvermeidbarkeit der Geheimhaltung damit, dass die Wissenschaftler ausspioniert werden. Im wirklichen Leben wird es sich vielleicht so ergeben, dass entweder Geheimdienste an die Informationen gelangen oder andere Wissenschaftler die gleiche Entdeckung machen. Es kann zwar gelingen, einige andere Personen, die isoliert sind, von der Gefahr zu überzeugen, aber es ist nur noch eine Frage der zeit, bis jemand sich die Informationen unter den Nagel reißt, wenn er Profitsucht hat und Machtstreben.
Im Stück äußert es sich dadurch, dass Möbius einen Irrtum begeht (der jedoch auch aus dramaturgischer Notwendigkeit heraus entstanden sein könnte): Er hat sein Wissen eben nicht zurückgenommen. Durch seine Notizen hat er anderen Möglichkeit des Zugangs eröffnet. Frau Mathilde von Zahnd kopiert die Aufzeichnungen, womit sie den Leichtsinn des gutgläubigen und zumindest in mancher Hinsicht auch naiven Wissenschaftlers ausnutzt. Wenn Gedanken erst einmal in einer anderen Menschen zugänglichen Form niedergelegt worden sind, sei es schriftlich wie von Möbius oder in Gesprächen oder nur bloßen Andeutungen, können sie unmöglich mehr zurückgenommen werden. Dies ist nur möglich, solange sie ausschließlich im Kopf eines einzelnen ruhen, ohne dass dadurch Zugang durch andere gegeben ist.
Bisher haben die Erkenntnisse der Wissenschaft hauptsächlich Grundlagen zum Verstehen einzelner Abläufe in der Natur etc. gegeben, doch jetzt ist die Wissenschaft an einem Punkt angelangt, an dem sie diese auch praktisch anwenden kann (siehe Weltformel, die sämtliche Erfindungen ermöglicht). Dadurch erweitert sich der Problemhorizont von einzelnen Wissenschaftlern (wie hier Möbius) auf die gesamte Wissenschaft und damit auf die gesamte zivilisierte Menschheit.

"Wir sind in unserer Wissenschaft an die Grenzen des Erkennbaren gestoßen. (...) Wir haben das Ende unseres Weges erreicht. Aber die Menschheit ist noch nicht soweit. (...) Unsere Wissenschaft ist schrecklich geworden, unsere Forschung gefährlich, unsere Erkenntnisse tödlich. Es gibt für uns Physiker nur noch die Kapitulation vor der Wirklichkeit. Sie ist uns nicht gewachsen. Sie geht an uns zugrunde. Wir müssen unser Wissen zurücknehmen (...). In der Freiheit sind unsere Gedanken Sprengstoff. (...) Entweder bleiben wir im Irrenhaus oder die Welt wird eins. Entweder löschen wir uns im Gedächtnis der Menschheit aus, oder die Menschheit erlischt."(S. 74 ff.)

Jedoch wird es praktisch nicht möglich sein, sämtliche Intellektuelle aufgrund moralischer Gesichtspunkte dazu zu bewegen, neue Gedanken nicht zu denken bzw. für sich zu behalten, da einzelne immer wieder aus ihrer persönlichen Profitsucht und Machtstreben aus diesem möglichen Konsens der Denkenden auszubrechen versuchen werden.

Wie gehen Systeme damit um?

Als Möbius sie fragt, wie es um die Freiheit der Forschung in ihrem System stehe, müssen beide Geheimdienstagenten eingestehen, dass sie stets der Landesverteidigung untergeordnet bleibt.
Daraus wird deutlich, dass die Wissenschaft nur Mittel zum Zweck ist und immer der Profitsucht, sei es die der Politik oder einzelner Personen, unterstellt ist, wobei diese Profitsucht auf Dauer zwangsläufig zum Krieg führt und sich damit sämtliche wissenschaftliche Erkenntnisse gegen die gesamte Menschheit richten.

So ist das Stück ein Appell an die Wissenschaft,
manches Denkbare nicht zu denken.

Aus dieser komplexen Problemstruktur heraus ergeben sich weitere Fragen, auf die Dürrenmatt in seinem Werk keine Antworten liefert:




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